Christsein heute - mehr als eine Zeitschrift



In 2000 Jahren haben sich Kulturen, Menschen und Kirchen geändert. Christen sind geblieben! Was bedeutet es heute, in unserer Gesellschaft Christ zu sein? Und was bedeutet dies für die Gemeinde? 

In der Gesellschaft fühle ich mich häufig wie ein Sonderfall. Christen gibt es scheinbar nicht mehr viele – zumindest nicht solche, die einen lebendigen Glauben haben. Als Christ möchte ich anderen zeigen, dass Christ sein einen Unterschied macht. Ich möchte auffallen – nicht für mich, sondern für Gott. Menschen sollen erkennen, dass mich etwas Einzigartiges prägt.

Gleichzeitig soll ich aber auch dazugehören. Teil der Gesellschaft sein und sie von innen prägen. So wie Paulus im ersten Brief an die Korinther in Kapitel 9 schreibt, dass er den Juden wie ein Jude und denen unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz geworden ist. Es geht ihm nicht darum, dass Glaubensgrundsätze aufgegeben werden sollen. Denn es gilt weiterhin Markus 12: Liebe Gott mehr als alles andere und deinen Nächsten wie dich selbst. Paulus weiß aber, dass Menschen, die Wertschätzung erleben, viel offener für Gespräche sind. Offenheit für die Persönlichkeit des Nächsten kann Ausdruck dieser Wertschätzung sein.

Vor einiger Zeit war ich für ein Jahr in Tadschikistan. Für mich war klar, dass ich die Kultur dort kennenlernen musste. Ich musste lernen, wie man sich beim Essen verhält, wie die Menschen miteinander kommunizieren (verbal und nonverbal), wann und wo ich draußen herumlaufen konnte und vieles andere. Das zu 
lernen war für mich selbstverständlich, denn ich war es ja, der nach
Tadschikistan kommt. Ich habe mich
 der Kultur angepasst, um zu zeigen, 
dass ich für die Menschen da sein möchte. Mein Ziel war es, dass
 die Tadschiken sich wertgeschätzt fühlen, weil ich mich auf den Weg gemacht habe, um sie kennenzulernen.
 Wenn ich heute über Paulus Worte nachdenke, dann meint er meines Erachtens noch mehr. Zum einen geht es ihm um diese Offenheit, wenn ich zu Menschen komme. Im Ausland sowie in Deutschland – wenn ich Gast bei jemandem bin, dann passe ich mich den Gepflogenheiten des Gastgebers an. Das ist der erste Satz. Zum anderen geht es Paulus aber auch um diese Offenheit gegenüber Menschen, die bei mir Gast sind – der zweite Satz. Also mich auch dann anzupassen, wenn es laut dem ersten Satz nicht meine Aufgabe ist. Eigentlich sollten sich meine Gäste ja an mich anpassen, wenn sie zu mir kommen.

Ich vermute, dass bei einer Umfrage in Deutschland, die meisten dem ersten Satz zustimmen würden. Der Gast passt sich dem Gastgeber an. Beim zweiten Satz wäre die Zustimmung vermutlich geringer. Warum sollte
 sich der Gastgeber anpassen? – Eine Antwort auf diese Frage liegt erneut im Wort Jesu aus Markus 12: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Für die eigenen Vorstellungen ist es leicht einzustehen und sie zu verteidigen. Dabei würde die Liebe zum Nächsten sich gerade darin zeigen die Vorstellungen von diesem zu hören und offen für sie zu sein. So heben sich Christen von der Gesellschaft ab – so, wie ich es mir für mich am Anfang gewünscht habe. So, wie du es dir vielleicht wünschst.

Was bedeuten diese Sätze nun für unsere Gemeinde? Meines Erachtens sind beide gleichermaßen wichtig. Gäste in unserer Gemeinde passen sich an bestimmte Verhaltensweisen an. Nicht, weil diese die einzig richtigen sind. Vielmehr, weil sie unserer Gemeinde Profil geben. Das gemeinsame Singen, das Teilen von persönlichen Anliegen, die Art des Gebets und Abendmahls, das Zuhören bei der Predigt und vieles mehr macht uns zu der Gemeinde, die wir sind – und das ist auch gut so. Aber auch der zweite Satz ist wichtig. Es reicht nicht aus, dass Gäste „nur“ in unseren Reihen sitzen dürfen. Vielmehr müssen wir als Gastgeber bereit sein, uns auf unsere Gäste einzulassen. Erst dann kann jeder seinen Platz in unserer Gemeinde finden. Und ich möchte wiederholen, dass nicht die Glaubensgrundsätze gemeint sind! Es geht hier um Verhaltensweisen und Vorlieben. Alle Menschen sind unterschiedlich und unsere Gemeinde hat nicht das Ziel, möglichst viele gleiche Persönlichkeiten zu versammeln – auch wenn dies wohl einfacher wäre. Christ sein heute heißt bereit sein, sich aus Liebe auf den Nächsten einzulassen, damit jede und jeder ein Leben mit Christus führen kann.

Euer Philipp Schmalenbach